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Ergotherapie

Nichtstun und Müßiggang sind krankheitsbegünstigend, eine zweckmäßige, den Fähigkeiten, den Kräften und den Neigungen entsprechende Tätigkeit hingegen befördert die Gesundheit. Dieses Wissen wird in der Behandlung von Erkrankungen seit Jahrhunderten berücksichtigt. Insbesondere bei der Behandlung seelischer Erkrankungen gehört die angemessene Beschäftigung des Betroffenen, das "Tätig sein", zur Heilung und Linderung der Beschwerden. Bereits der römische Arzt Galen ("Arbeit ist die beste Medizin, die uns die Natur gegeben hat") berücksichtigte dies, die Beschäftigung von Kranken gehörte im frühen Mittelalter zu den Behandlungsmethoden der Krankenhäuser Persiens und Marokkos und wurde durch die damaligen Kreuzfahrer daheim mit Ehrfurcht berichtet. Ab dem 15. Jahrhundert wurde die Arbeit fester Bestandteil der Behandlungen in den psychiatrischen Krankenhäusern von Ordensbrüdern in Spanien, europaweit setzte sich die Arbeitstherapie ab dem 18. Jahrhundert durch. Die Kriegsversehrten der Weltkriege erweiterten das Tätigkeitsfeld der Ergotherapie, im 20. Jahrhundert formte sich letztendlich das Berufsbild des Ergotherapeuten. Der Begriff Ergotherapie selbst ist an das griechische Wort "ergon" angelehnt, welches soviel wie Tätigkeit, Werk, Beschäftigung, Verrichtung ausdrückt. Ergotherapie bedeutet somit Arbeits- und Beschäftigungstherapie.

In früheren Zeiten war Ergotherapie oft durch einen leistungs- und erziehungsorientierten Therapieansatz gekennzeichnet, die Arbeitskraft psychisch erkrankter Patienten kam zumeist den Kliniken zu Gute (Gärtnereien, Wäscherei, Küche). Heute steht ein gewandelter Behandlungsansatz im Vordergrund. Dieser heutige Behandlungsansatz legt die Schwerpunkte auf individuelle Anpassung, kreative Entfaltung und die Wiederherstellung ehemaliger Fähigkeiten.

Konkret verbessert werden sollen durch Ergotherapie die motorischen, sensorischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten der Patienten. Ihnen soll die Wiedereingliederung in ihr soziales Umfeld und die Arbeitswelt ermöglicht werden. Gefördert werden sollen Selbständigkeit und Sinnhaftigkeit im Dasein, die mit Erkrankungen verbundenen Einschränkungen der Lebensqualität sollen durch Tätigsein gemildert werden.

Ergotherapie ist heute, ähnlich wie Physiotherapie, ein gezielt eingesetztes, ärztlich zu verordnendes Heilmittel. Sie kann sowohl als Einzel- oder Gruppenbehandlung durchgeführt werden. Ergotherapeutische Angebote sind auch außerhalb der Behandlung psychischer Erkrankungen weit verbreitet. Es gibt sie in Krankenhäusern der Fachrichtungen Orthopädie, Unfallheilkunde, Innere Medizin, Rheumatologie, Neurologie, Geriatrie, Pädiatrie, in Suchtkliniken, in Fördereinrichtungen für behinderte Kinder, wie Sonderschulen, Kindergärten, Heime und Frühbehandlungszentren, sie wird angewendet in Alten- und Pflegeheimen, in Tageskliniken, in Rehabilitationseinrichtungen, Werkstätten für Behinderte, Sozialstationen und ambulante Praxen.

Schon die Vielfalt der Einsatzorte und Anbieter von Arbeits- und Beschäftigungstherapie weist auf die Fülle möglicher Inhalte von Ergotherapie hin. Die Tätigkeitsfelder umfassen sowohl spielerisch- aktivierende Aufgaben, künstlerisch-kreative Fähigkeiten werden gefördert (z.B. Herstellung von Plastiken aus Ton, Malerei), alltagspraktische Tätigkeiten werden beübt (z.B. das Backen eines Kuchens), Ergotherapie reicht bis hin zur Vorbereitung eines beruflichen Wiedereinstiegs (z.B. Fahrradwerkstätten, Tischlereien). Das Profil einzelner Tätigkeiten reicht dabei von einfachen Verrichtungen bis hin zu eigenverantwortlichen Aufgaben.

© Dipl.-Psych. Jens-Uwe Schmidt, Leipzig, 2002


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