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Welche Regeln sollte man bei der Einnahme von Psychopharmaka beachten?
Wirkungsbeginn
Wir sind es gewohnt, dass viele Medikamente schon in sehr kurzer Zeit nach der Einnahme wirken können, z. B. ein Asthma-Spray in Sekunden, eine Schmerztablette in einer halben Stunde und ein Antibiotikum in 1-2 Tagen.
Diesen raschen Wirkungseintritt kann man bei vielen Psychopharmaka nicht erwarten. So brauchen zum Beispiel antidepressiv wirkende Pharmaka drei Wochen, um eine ausreichende Wirkung zu entfalten. Ähnliches gilt für die Neuroleptika.
Der unter oft hohem Leidensdruck stehende Betroffene muss also ein deutliches Maß an Geduld aufbringen, um die gewünschten positven Effekte des ihm verordneten Psychopharmakons auf seinen seelischen Krankheitszustand zu erleben. Andererseits können Nebenwirkungen schon vor der eigentlichen angestrebten Medikamentenwirkung auftreten, also z.B. auch unmittelbar nach Behandlungsbeginn. Die zusätzlichen Belastungen durch Nebenwirkungen in der Anfangsphase einer medikamentösen Behandlung können dazu führen, daß die Behandlung durch den Patienten abgebrochen wird, wenn er darüber nicht informiert ist. Daher ist die Aufklärung des Patienten durch den Arzt bezüglich der zu erwartenden, aber oftmals nicht sofort eintretenden Wirkung und ebenso die Behandlung möglicher Nebenwirkungen bei Besprechung des Therapieplanes von entscheidender Bedeutung für das Therapieverständnis und damit die Therapietreue der Betroffenen. Die Unterscheidung zwischen Symptomen einer Erkrankung, Wirkungen eines Medikamentes und Nebenwirkung mancher Pharmaka ist sehr schwer, so dass Sie hierüber unbedingt das Gespräch mit Ihrem Arzt suchen sollten.
Einnahmedauer
Ein anderes Problem entsteht durch die übliche Erfahrung, dass ein Medikament nur so lange einzunehmen ist, bis sich der Zustand gebessert oder normalisiert hat. Ist z.B. die Nasennebenhöhlenentzündung vorbei, setzt man das Therapeutikum üblicherweise ab. Psychopharmaka wirken aber auf das seelische Symptom, nicht auf den im Hirn ablaufenden Krankheitsprozeß. So bedeutet die Stimmungsaufhellung unter einem Antidepressivum nicht, daß der der Depression zugrunde liegende biologische Prozeß beendet ist. Ebenso verheisst ein Rückgang der psychotischen Symptomatik unter Neuroleptika nicht das sofortige Ende der Psychose. Der Patient, der wegen seiner subjektiven Besserung glaubt, das jeweilige Psychopharmakon absetzen zu können, erlebt nicht selten einen raschen und schweren Rückfall in die psychische Erkrankung, der eigentlich hätte vermieden werden sollen und können.
Im Regelfall sind also Antidepressiva und Neuroleptika über mehrere Monate einzunehmen. Ein vorsichtiges Vermindern der Dosis bzw. Absetzen sollte deshalb nur unter ärztlicher Kontrolle mit entsprechend häufigen Kontakten stattfinden. Bei Rückfällen nach Ersterkrankungen oder Übergang einer seelischen Störung in einen chronischen Zustand muss zur Prophylaxe eventuell jahrelange oder sogar lebenslange Einnahme des entsprechenden Psychopharmakons erwogen werden. Dies findet seine Erklärung darin, dass man mit diesen Medikamenten oftmals nicht nur gegen die Symptome vorgeht, sondern gleichzeitig eine prophylaktische Barriere gegen eine Wiedererkrankung aufzubauen versucht.
Einnahmemodus
Die gewünschte Medikamentenwirkung wird am besten durch regelmäßige Einnahme gesichert. Allerdings reicht bei neuen hochwertigen Medikamenten vielfach die einmalige Einnahme pro Tag aus, z. B. nur am Abend. Dies bewahrt den Patienten auch vor der manchmal störenden Neugier dritter Personen. Die stereotype Einnahmevorschrift: "3 mal 1 Tablette" ist so oft bis meist überflüssig. Fragen Sie Ihren Arzt einmal danach.
Hinweise zur Fahrtauglichkeit
Psychopharmaka schränken die Fahrtauglichkeit ein, zumindest in der ersten Zeit der Behandlung. Die Verschlechterung der Fahrtauglichkeit ist eher bei den älteren Wirkstoffen aus den sechziger Jahren als bei den neuen Substanzen aus den letzten zehn Jahren zu erwarten. Ebenfalls zu beachten ist, daß Alkohol durch Psychopharmaka erheblich in seiner Wirkung gesteigert werden kann. Immerhin wird im Gegensatz zu Alkohol durch Psychopharmaka die Kritikfähigkeit des einnehmenden Patienten nicht gemindert, so dass er seine Fahrfähigkeit im Regelfall noch beurteilen kann. Dies muß ja auch ein Gesunder, der z. B. bei Übermüdung das Fahrzeug nicht benutzt (benutzen sollte!).
In Akutstadien psychischer Erkrankungen sollte generell nicht gefahren werden. Zum Einen wegen der krankheitsbedingten Beeinträchtigungen von Reaktionsschnelligkeit und Aufmerksamkeit, zum Anderen wegen der zu Anfang eventuell stärkeren Nebenwirkungen von Pharmaka. Letztere, wenn überhaupt aufgetreten, gehen nach einigen Wochen zurück und klingen ab.
Was Sie sonst noch beachten sollten
Nicht zuletzt sollte ein Patient die Namen und Dosierungen aller Medikamente wissen, die er einnehmen muss. Immerhin kommen, besonders mit der innerhalb der zweiten Lebenshälfte zunehmenden Häufung meist chronischer Erkrankungen, schnell mehrere Präparate zusammen, die gleichzeitig genommen werden. Der sicherste Weg, hier den Überblick zu behalten, ist eine schriftliche Auflistung, die ständig bei sich getragen wird. So können Ärzte bei Neuverordnungen auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen schon in Gebrauch befindlichen Wirkstoffen Rücksicht nehmen oder vor Operationen eventuell notwendige Umstellungen vornehmen.
® Dr. med. Rainer A. Richter, Nervenarzt, Leipzig, 2002
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