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Nebenwirkungen von Medikamenten
Leider ist es bisher noch nicht gelungen, Medikamente zu entwickeln, die nicht nur eine Hauptwirkung, also die Wirkung gegen die jeweilige Krankheit oder das Symptom entfalten, sondern die auch völlig nebenwirkungsfrei sind, also keine unerwünschten anderen Wirkungen haben. Wenn man sich aber vor Augen führt, wie kompliziert der menschliche Stoffwechsel und die menschlichen Nervenfunktionen sind und wie viele Interaktionen es zwischen den beteiligten Stoffen und Regelkreisen im Menschen gibt, wird vielleicht auch verstehbar, dass der Eingriff in eines dieser Systeme durch ein Medikament oftmals auch einen anderen Regelkreis in Mitleidenschaft ziehen kann. Man kann sich dies am ehesten anhand eines Mobilé vorstellen: Wenn man es an der einen Seite zart anstößt, kommen nach und nach auch viele andere Teile davon in Schwingung.
Häufigkeit von Nebenwirkungen
Die Häufigkeit von Nebenwirkungen ist auf Beipackzetteln oft nur mit vagen Begriffen wie "gelegentlich" oder "selten" umschrieben. Diese hätten jedoch eine fest definierte Bedeutung, betont der Bundesverband Deutscher Apothekerverbände (ABDA) in Berlin.
So bedeute "häufig", dass die Nebenwirkungen bei mehr als zehn Prozent der Anwender feststellbar sind. Treten Nebenwirkungen "gelegentlich" auf, kämen sie bei ein bis acht Prozent der Patienten vor, bei "selten" lägen sie unter einem Prozent. "Sehr selten" bedeute, dass die Begleiterscheinungen bei mindestens einem von 1.000 Anwendern auftreten, "im Einzelfall" hieße, dass einer von 50.000 bis 100.000 Patienten betroffen ist.
Stellt ein Patient bei sich nach der Anwendung eines Medikaments unerwünschte Nebenwirkungen fest, sollte er diese seinem Apotheker melden. Die Information werde dann gegebenenfalls an die Arzneimittelkommission weitergeleitet.
Nebenwirkungen bei klassischen Neuroleptika
Ein besondere Klasse stellen bei der Auseinandersetzung mit Nebenwirkungen die Neuroleptika dar. Sogenannte klassische Neuroleptika (ältere) haben z. T. erheblich die Befindlichkeit einschränkende Nebenwirkungen. Bereits zu Beginn einer Behandlung kann es z. B. zu Zungenschlundkrämpfen, Blickkrämpfen, krampfartiger Spannung der Kaumuskulatur, erhöhte Spannung der Halsmuskulatur (Schiefhals) u.ä. kommen. Diese Störungen werden als Frühdyskinesien (Bewegungsstörungen) bezeichnet.

Tage bis Wochen später können auch Symptome auftreten, die einer Parkinsonschen Krankheit ähneln: Zittern der Extremitäten, erhöhte Muskelspannung (Rigor) und Bewegungsarmut (Akinese). Gelegentlich kann auch eine quälende Unruhe der Beine, vorwiegend im Sitzen, auftreten (Akathisie).

Die genannten Nebenwirkungen sind sicher sehr unangenehm und belastend, aber nicht gefährlich, solange sie medizinisch überwacht werden. Zumeist sind sie vorübergehend und können mit zusätzlichen Medikamenten erfolgreich behandelt werden.

Gelegentlich hilft auch eine Dosisreduktion des Neuroleptikums. Trotzdem können die genannten Störungen so unangenehm sein, dass ein davon betroffener Mensch die Behandlung abbricht.
In den ersten Wochen bis Monaten einer Behandlung können manchmal auch sogenannte vegetative Nebenwirkungen auftreten: Das sind z.B. Blutdruckabfall, Herzrasen, Mundtrockenheit, Harnverhaltung, Verstopfung, Schweißausbrüche und Hitzewallungen sowie eine mehr oder weniger starke Müdigkeit. Die Müdigkeit ist um so ausgeprägter, je niedriger die sogenannte neuroleptische Potenz des Mittels ist. Die Erzeugung von Müdigkeit und Beruhigung (Sedierung) wird auch gezielt therapeutisch genutzt, in dem niedrigpotente Neuroleptika als Beruhigungsmittel eingesetzt werden.
Andererseits können Müdigkeit und Blutdruckabfall mit Schwindel zu einer erhöhten Sturzgefahr und einer eingeschränkten Verkehrstauglichkeit führen, was besonders bei Patienten nach dem 60. Lebensjahr eine Rolle spielt. Schließlich können Veränderungen des Blutbildes, der Leberfunktion und der Blutgerinnung auftreten. Störungen der Blutbildes und der Leberfunktion sind seltener, zwingen aber doch zu regelmäßigen Laborkontrollen.

Generell kann es unter eine neuroleptischen Behandlung zu einer depressiven Verstimmung kommen, die ihrerseits behandlungsbedürftig sein kann.
Schwerwiegende Nebenwirkungen
Als schwerwiegende akute Komplikation ist ein unter niedrigpotenter Neuroleptikabehandlung auftretendes delirantes Syndrom zu betrachten. Dies ist ein Zustand mit verringerter Wachheit, mit Trugwahrnehmungen und mit Verwirrtheit.

Das Delir tritt selten auf.

Eine weitere schwerwiegende Nebenwirkung ist das maligne neuroleptisches Syndrom. Dabei kommt es zu einer ausgeprägten Erstarrung der Körpermuskulatur, einer erhöhten Körpertemperatur, Schweissausbrüchen, Blutdruckerhöhung, Schluckstörungen und Störungen des Bewußtseins bis hin zum Koma.

Es tritt ausserordentlich selten auf.

Eine ebenfalls nur sehr selten auftretende Nebenwirkung ist die Agranulozytose. Hierbei werden die im periphrenen Blut befindlichen Granulozyten infolge der Medikamentenwirkung zerstört. Es kommt zu einer Störung des Allgemeinbefindens mit Fieber, später Schleimhautgeschwüren, Hautnekrosen und regionalen Lymphome auf.

Diese genannten schwerwiegenden Nebenwirkungen können unbehandelt lebensgefährlich sein.
Langfristige Nebenwirkungen und Spätfolgen
Als längerfristige Nebenwirkungen sind die mehr oder weniger starken Defizite des kognitiven Leistungsniveaus bedeutsam. Darunter versteht man ein verringertes Tempo der verbalen und nonverbalen Auffassung und eine geringere Präzision und ein herabgesetztes Tempo bei der Bewältigung komplexer Situationen (z.B. im Straßenverkehr usw.).

Parallel zur längeren Anwendung kann es zur Gewichtszunahme kommen, die sich im Bereich weniger Pfunde bis zu 20 kg abspielen kann.
Als schwerwiegende Spätfolge schließlich können bei den klassischen Neuroleptika sogenannte Spätdyskinesien auftreten. Dies sind unwillkürliche Bewegungen des Körpers und der mimischen Gesichtsmuskulatur ähnlich dem Veitstanz. Im ungünstigsten Fall bleiben sie lebenslang oder müssen zumindest jahrelang medikamentös behandelt werden. Allein die Möglichkeit dieser Spätdyskinesien ist ein Argument vieler Psychiater gegen den weiteren Einsatz klassischer Neuroleptika bei schizophrenen Erkrankungen.
Nebenwirkungen bei atypischen Neuroleptika
Bei den neueren sogenannten atypischen Neuroleptika (atypisch, weil kaum mit den oben beschriebenen Nebenwirkungen der klassischen Neuroleptika versehen) gibt es kaum Frühdyskinesien, kaum Spätdyskinesien und keine vergleichbaren kognitiven Beeinträchtigungen wie bei den klassischen Neuroleptika.
Die oben genannten vegetativen Symptome (Mundtrockenheit, Harnverhaltung, Herzrasen usw,) fehlen oder sind nur gering ausgeprägt. Möglich ist eine anfängliche Müdigkeit (Sedierung) und eine wechselnd starke Gewichtszunahme, die vom jeweils angewendeten Präparat und der persönlichen Disposition des Menschen abhängt.
Die Kontrolle von Blutbild und Leberfunktion ist auch bei den meisten Atypika obligat.
Zusammenfassend kann festgestellt werden: Die Atypika haben in Abhängigkeit von dem jeweils eingesetzten konkreten Medikament ein Nebenwirkungsprofil, dass wesentliche Gefährdungen des Patienten vermeidet und zu einer deutlich höheren Lebensqualität führt, als dies unter der Behandlung mit klassischen Neuroleptika erwartet werden kann.
© Dr. med. Rainer A. Richter, Nervenarzt, Leipzig, 2002
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