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Die Verhaltenstherapie entstammt in ihren Ursprüngen der Verhaltensforschung. Diese beschäftigt sich unter anderem damit, wie bestimmte Verhaltens- und Reaktionsweisen eines Lebewesens entstehen, wie sie zur Gewohnheit werden, wie sie sich verändern und wie sie wieder verschwinden. In den Begriffen der mit der Verhaltensforschung eng verbundenen Lerntheorien heißt das, wie Verhalten erlernt, aufrechterhalten, verändert und verlernt wird. Verhaltenstherapie beschäftigt sich mit der Modifikation von Verhalten, sie ist somit ein Prozess, bei dem gezielt Verhalten erlernt, verändert oder verringert wird.
Berühmt für dieses Erlernen und Verlernen von Verhaltensweisen sind die Anfang des 20. Jahrhunderts durchgeführten Experimente von Pawlow, Watson und Skinner. Die relativ große Bekanntheit der damaligen Untersuchungen, ihr z.T. einfacher Aufbau und die Tatsache, daß eine Vielzahl der Erkenntnisse durch Experimente mit Tieren (Hunde, Tauben, Ratten) gewonnen wurden, ist für die heutige moderne Verhaltenstherapie ein oft zu Missverständnissen führendes Erbe. So wird Verhaltenstherapie oft noch als freudlose, kühle, mechanische "Dressur" mit Belohnung und Bestrafung interpretiert. Die Symptome einer Störung würden durch Verhaltenstherapie nicht ursächlich aufgeklärt, sondern lediglich an der Oberfläche verändert, die Beschwerden würden dann an anderen Stellen wieder auftauchen (sogenannte Symptomverschiebung). Das Menschenbild der Verhaltenstherapie sei das einer auf Reflexen basierenden Reiz-Reaktions-Maschine, Individualität und Biografie der Patienten würden unzulässig vernachlässigt. Verhaltenstherapie bedürfe somit auch keiner besonderen intellektuellen Fähigkeiten von Seiten des Patienten, ein besonders wacher Geist sei sogar eher von Nachteil.
Auf dem Hintergrund dieser früheren tatsächlichen Kritikpunkte hat sich die heutige Verhaltenstherapie inzwischen zu einer Therapierichtung mit einem ganzheitlichen Menschenbild und einem entsprechend umfangreichem Verständnis von psychischen Störungen entwickelt. So greift der Begriff Verhaltenstherapie heute eigentlich zu kurz, Verhaltenstherapie betrachtet nämlich nicht nur das sichtbare Verhalten eines Menschen. Genau so werden Gefühle, Gedanken und körperliche Reaktionen beachtet und einbezogen. Gleiches gilt für die Lebensgeschichte des Patienten und sein Lebensumfeld in das die Symptome eingebettet sind. Verhaltenstherapie bietet heute auch die ursprünglich nur der Psychoanalyse zugestandene Möglichkeit, sogenannte unbewusste Motive für ein Verhalten und typische Beziehungsmuster zu entdecken.
Als Besonderheit von Verhaltenstherapie kann gelten, daß die Therapie die Möglichkeit hoher Strukturiertheit, Zielorientiertheit und Transparenz für den Patienten bietet. So werden Erklärungsmodelle für die Beschwerden entwickelt (z.B. Depression, Zwänge, Panikattacken), anhand dieser Modelle werden dann Veränderungsmöglichkeiten erörtert und erprobt. Diese Erklärungsmodelle können im Fortgang der Therapie sehr weit aufgefächert werden, dies kann individuell an die Wünsche und intellektuellen Fähigkeiten des Patienten angepasst werden. Die Erklärungsmodelle können biografische Ereignisse beinhalten, sie können mitbedingende medizinisch-physiologische Faktoren aufzeigen, genau so können sie die Folgen einer Veränderung der Symptomatik zur Diskussion bringen (Was wird sich in meinem Leben ändern, wenn sich das Symptom ändert?).
Neben der möglichen hoch intellektuellen Durchdringung einer Symptomatik wird eine gute Verhaltenstherapie stets die mit dem Berichteten verbundenen Emotionen aktualisieren und die entsprechende Stützung und Mitmenschlichkeit geben.
Anhand des aufgestellten Erklärungsmodells für eine Störung können Veränderungsmöglichkeiten erarbeitet werden. Diese Veränderungsmöglichkeiten können dabei vom Therapeuten konkret vorgeschlagen werden, da es bestimmte sehr effektive Techniken zur Therapie bestimmter Störungen gibt (z.B. Konfrontationstechniken bei Angststörungen). Die Veränderungsmöglichkeiten können aber auch in einem gemeinsamen Suchprozess entdeckt werden, der die Erfahrungen, Vorlieben und Wünsche des Patienten berücksichtigt (z.B. stehen Depressionen oft in Verbindung mit zu wenig angenehmen Aktivitäten und zu spärlichen sozialen Kontakten, ein Aktivitätenaufbau ist somit sinnvoll. Hier kann der Patient selbst das für ihn hilfreiche vorschlagen und ausprobieren.).
Wesentlicher Bestandteil von Verhaltenstherapie sind sogenannte kognitive Verfahren. Diese beschäftigen sich mit Kognitionen, d.h. Einstellungen, Gedanken, Selbstgesprächen, Vorstellungen und Interpretationen. Bezogen auf ein Verhalten (z.B. Panikattacken) werden die begleitenden Kognitionen aufgedeckt (Mein Herz schlägt schon wieder so heftig! Ich falle gleich um! Wenn ich hier nicht gleich rauskomme werde ich sterben!). Nach der Aufdeckung dieser Kognitionen werden diese auf ihren Realitätsgehalt und ihre Wahrscheinlichkeit geprüft (Wie oft schon umgefallen bei solchen Panikattacken?) und letztendlich durch hilfreichere Gedanken zu ersetzen versucht (Gut, dass mein Herz so kräftig schlägt! Wenn ich Sport treibe, dann schlägt es noch viel kräftiger als jetzt und dass hat auch keine negativen Folgen.).
Kognitive Therapie beschäftigt sich aber nicht nur mit den unmittelbaren Gedanken in einer Situation, sondern hilft auch, sich mit den das Leben erschwerenden Überzeugungen und Haltungen auseinanderzusetzen. Solche irrationale Überzeugungen können z.B. sein: "Alle Menschen müssen mich mögen, wenn nicht ist das eine Katastrophe,", "Ich muß immer alles perfekt machen!", "Wenn mich jemand unangemessen und nicht genügend höflich behandelt, so ist derjenige eine Laus und gehört bestraft!". Diese irrationalen Überzeugungen können mittels bestimmter Vorgehensweisen aufgedeckt und durch angemessenere Gedanken ersetzt werden. Auch hier ist letztendlich das Lernen versteckt: wodurch wurden Grundüberzeugungen erlernt (z.B. Perfektionismus), wie wurde sie aufrechterhalten, wie kann ein gesundes Maß erreicht werden.
Ein wesentliches Element von Verhaltenstherapie ist die Mitarbeit des Patienten über die Therapiesitzungen hinaus. Dabei wird davon ausgegangen, daß anzustrebende Veränderungen nur zu einem kleineren Teil in der Therapiestunde selbst erprobt werden. Der Grossteil der Veränderungen sollte im Alltag des Patienten, zwischen den einzelnen Therapiesitzungen stattfinden. Zu diesem Zweck werden den Patienten oft Aufgaben mitgegeben, z.B. Beobachtungsprotokolle zur Häufigkeit bestimmter Verhaltensweisen oder zu in bestimmten Situationen auftretenden Gedanken und Gefühlen.
Verhaltenstherapie ist wissenschaftlich geprüfte, etablierte und effektive Psychotherapie. Für eine Reihe von psychischen Störungen wird sie als das Mittel der Wahl bei der Behandlung erachtet (z.B. Angststörungen, Zwänge). Die Indikationen für Verhaltenstherapie sind insgesamt außerordentlich vielfältig. Verhaltenstherapeutische Methoden finden sich als Behandlungsbausteine innerhalb von mehrdimensionalen integrativen Therapieansätzen (z.B. bei der Behandlung schizophrener Erkrankungen oder bei schwereren Depressionen). In der Hauptsache wird Verhaltenstherapie jedoch als selbständige und alleinige Behandlung einer psychischen Störung durchgeführt.
Die Verhaltenstherapie zählt zu den kassenzugelassenen Psychotherapieverfahren, d.h., die Behandlung ist durch die Krankenkassen anerkannt und wird durch diese bezahlt. Ambulante Verhaltenstherapie wird in der Regel von speziell ausgebildeten Diplompsychologen angeboten, zu einem geringeren Teil auch von Ärzten. Einen Überblick über die niedergelassenen Psychotherapeuten die verhaltenstherapeutisch arbeiten, kann man von den Krankenkassen erhalten.
© Dipl.-Psych. Jens-Uwe Schmidt, Leipzig, 2002
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